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Segen

Das leise Rascheln im Baum vor dem Fenster verdichtet sich nach und nach, ganz langsam und stetig, zu einem sanften, gleichmäßigen Rauschen. Ich liege ausgestreckt auf dem Bett, das Fenster sperrangelweit offen, um die Abendluft hereinzulassen.

Eben habe ich noch geschwankt, ob ich vor dem Zubettgehen draußen noch eine Runde drehen soll, oder mich einfach der aufkommenden Bettschwere überlassen. Jetzt lausche ich nur noch gebannt hinaus, wie der erste Regen seit sechs Wochen völlig ohne Blitz und Donner auf ganz leisen Pfoten heranschleicht.

Dabei weicht die Schläfrigkeit dem klaren, dankbaren Gefühl, dass dieser lang ersehnte Land-Segen auch meiner Seele gelten kann.

Nun fängt es in der Regentonne, die direkt unter dem Fenster steht, sanft an zu plätschern. Ab und zu ein Glucksen im Fallrohr der Dachrinne. Ein erster Hauch des Duftes von Regen, der auf warme Erde fällt, erreicht mich. Ich atme ihn tief ein und meine Gedanken wandern hinaus in die Natur.

Etwas in mir löst sich, steigt auf und schwebt dann vor Energie vibrierend aber dennoch zögernd über mir. „Geh nur“, murmle ich. Daraufhin stürmt es, entfesselt wie eine Grundschulklasse am letzten Schultag vor den Ferien, ins Freie. Jubelnd, kreischend, zum Bersten lebendig. Draußen im Regen dreht es einen Freudenlooping und saust davon, um mit den Gräsern und Würmern zu tanzen, mit den Asseln, den Schnecken, den Kräutern und Blumen. In mir bleibt eine stille, dankbare Freude und ein tiefer Frieden zurück, die mich vollkommen ausfüllen.

Wie aus weiter Ferne dringt irgendwann die Stimme meiner Liebsten in mein Bewusstsein: „Mein sensibler Mann… Was bewegt dich denn so sehr?“ Der Kuss auf meine Stirn holt mich zurück und setzt mich wieder zusammen.

„Es regnet“, sage ich und wische mir die Tränen ab.


Das ist ein Beitrag zu den ABC-Etüden, die auf dem Blog Irgendwas ist immer von Christiane ihre wohlgepflegte Heimat haben. Dabei geht es darum, rund um drei vorgegebene Wörter einen Text von höchstens 300 Wörtern zu drechseln.

Die drei „Lock-Wörter“ waren diesmal

Regentonne – sensibel – schwanken

und wurden gespendet von Ellen auf nellindreams.

Bemerkung:
Dieser Text ist fiktiv, wie alle meine ABC-Etüden. Diesmal sage ich es dazu, weil der Text im Gegensatz zu meinen bisherigen Etüden-Beträgen vielleicht doch sehr „echt“ klingt.

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14 Kommentare zu „Segen

  1. Wunderschön. Ich war sofort mittendrin. In dem Fall hätte ich dir gewünscht, dass du eine Szene aus deinem Leben geschildert hättest, denn es klingt einfach … gut.
    Danke für die Etüde, schön, dass du wieder mal mitgeschrieben hast! 👍
    Mittagskaffeegrüße 🌤️🍃☕🍪👍

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    1. Diese drei Wörter lassen ja reichlich Raum für Phantasie.
      Woraus aufgewacht? Wodurch? Sehnsucht wonach? nach Naturverbundenheit? nach Verbundenheit mit einem Menschen, wie in der Etüde beschrieben? Warum sind Sehsüchte Scheiße?
      Tät mich ja schon interessieren…

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      1. Woraus ? Ich weiß nicht – du hast die Etüde geschrieben, gib dem Woraus einen Namen 😉
        Sehnsüchte sind nicht Scheiße. Aus einem Woraus aufzuwachen bedingt immer baldiges Wiedereintauchen in die Realität – auch wenn die Art der Rückführung nun ja nicht gerade Scheiße gewesen zu sein scheint für den Protagonisten.

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      2. Ach so, du hast das auf den Protagonisten bezogen. Ich hatte den Kommentar so verstanden, dass du von dir selbst sprichst…
        Ja, woraus aufgewacht? Ich würde gar nicht mal von aufwachen sprechen, eher davon, dass die Figur zwischen zwei Welten wechselt: Von der inneren Welt mit ihrem spirituellen Fenster zum Universum kehrt sie zur äußeren, normalen Alltagswelt zurück. (In welcher der beiden Welten ist man wach?)
        Die Tränen stehen für mich nicht für unerfüllte Sehnsüchte, sondern für die Freude und Dankbarkeit, am Jubel der Natur teilnehmen zu können. Also Erfüllung, nicht Sehnsucht…
        Tja, du scheinst die Geschichte irgendwie anders verstanden zu haben…

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  2. Wieso hätte ich von mir schreiben sollen ? Du hast immerhin präzisiert, daß es eine fiktive Geschichte ist. In 300 Worten ist der Charakter schwerlich klar auszuarbeiten, das ist verständlich – ich hab ihn einfach mal interpretiert… nun hast du seine Gedanken kommentiert und ihnen dadurch eine tiefere Bedeutung, die ‚richtige‘, zugeschrieben – deine personenbezogene, eigene ;-?

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  3. Ja, spannend. Mein Psychiater sagt stets, wenn er mir die Monatsspritze verabreicht und ich mich darüber beklage, daß ich kommende Nacht wieder viel schreiben werde müssen, lächelnd: „Tja – die Psychologie is‘ a Hund…“

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