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Der Käfer ist nicht gefangen und ich „bin“ nicht krank (3)

Das ist die Fortsetzung von diesem und diesem Beitrag.

Sorry, liebe Leute, jetzt hat es doch recht lange gedauert, bis ich dazu gekommen bin, dieses Thema weiter zu spinnen. Es waren einfach ein paar andere Dinge wichtiger…

Nun bin ich also noch die Antwort schuldig auf die Fragen, was der Käfer, ME/CFS und die Dynamischen Systeme mit dem Buddhismus zu tun haben, und warum ich nicht krank „bin“.

Vielleicht hast du dich schon gefragt, was die Gänsefüßchen beim „bin“ eigentlich sollen. Damit hat es Folgendes auf sich: Wenn jemand sagt „Ich bin Arzt“, „Ich bin Deutscher“ oder eben auch „Ich bin krank“, dann klingt für mich da ein gewisses Maß an Identifizierung durch. Er oder Sie identifiziert sich mit dem Beruf bzw. mit dem Zustand der Krankheit. Man könnte ja auch sagen: „Ich arbeite als Arzt“ oder „Ich fühle mich krank“. Dann klingt es ganz anders. Zum einen scheint jemand, der in der zweiten Art und Weise formuliert, seine Identität nicht aus seinem Beruf bzw. dem Krank-Sein zu beziehen, und zusätzlich klingt es auch nicht so in Beton gegossen. Vielleicht wird die Person bald in einem anderen Beruf arbeiten oder sich morgen schon wieder gesund fühlen.

Schon ganz unabhängig von buddhistischen Betrachtungsweisen möchte ich auf der Hut sein davor, meine Identität aus meiner Erkrankung abzuleiten. Klar: außer krank bin ich natürlich auch noch tausend andere Dinge. Deshalb scheint es vielleicht übertrieben, so kritisch auf diese Formulierung zu gucken. Aber wenn man immer wieder die Erfahrung macht, dass die Lebenssituation von „uns CFS-lern“ von Außenstehenden kaum wirklich nachvollzogen werden kann, dann kann es schon nahe liegen, sich selbst auch ein Stück weit über diese Krankheit zu definieren und z.B. überhaupt von „uns CFS-lern“ zu reden. Ich finde schon, dass eine solche einschneidende Erfahrung zu einer gewissen Identifikation mit der Situation einläd. Hinzu kommt noch, dass man sich gezwungenermaßen auch viel mit der Erkrankung beschäftigen muss, denn die genaue Selbstbeobachtung ist ja Grundlage für das Pacing und außerdem muss man mangels Fachwissen im medizinischen System geradezu zum Experten in eigener Sache werden. Eine gewisse Verführung zur Identifikation spüre ich da schon bei mir, und der möchte ich gerne entgegenwirken.

„Ich fühle mich krank“ klingt mir aber dann doch zu sehr nach ein bisschen Bauchweh, das womöglich auch noch auf bloße Einbildung zurückzuführen ist. Insofern rede ich meist davon, dass ich eine Krankheit habe. Aber auch mit dieser Formulierung bin ich nicht wirklich zufrieden, und damit nähern wir uns dem Buddhismus:

Die buddhistische Philosophie spricht ja den Phänomenen, die uns im täglichen Leben begegnen (einschließlich unserer eigenen Person) grundsätzlich eine wirkliche Existenz auf einer tieferen Ebene ab. In diesem Zusammenhang wird von Leerheit oder von Nicht-Selbst gesprochen. Wenn man da ins Detail geht, wird das ziemlich kompliziert, aber die Grund-Idee dahinter scheint mir zu sein, dass man die Dinge nicht als starr, voneinander getrennt und ein für allemal festgelegt betrachtet, sondern als dynamisch, miteinander verflochten und wechselseitig bedingt. Das bedeutet dann auch, dass jedes Phänomen nur solange „existiert“, wie die unzähligen Bedingungen noch passen, unter denen es überhaupt bestehen kann.

Wechselseitige Abhängigkeit und Dynamik: Erinnert das nicht irgendwie an die dynamischen Systeme? Aber vorwiegend geht es mir jetzt nicht um diese Parallele, sondern um die psychischen Vorteile, die die buddhistische Sichtweise meiner Erfahrung nach mit sich bringt.

Buddhistische Meditationsmeister scheinen aus der Erfahrung der Leerheit aller Dinge und ihrer eigenen Nicht-Existenz ihre große Gelassenheit zu ziehen sowie ihre Fähigkeit, nicht mehr zu leiden unter den Bedingungen des Lebens, so wie es eben ist. Und ein kleines Scheibchen, meine ich, kann ich mir für den Umgang mit ME/CFS davon abschneiden:

Mir gelingt es zunehmend, die Krankheit nicht mehr als solides Ding anzusehen, dass mich bedroht, das mein Leben zerstört hat und das mir Angst einjagt. Also nicht mehr als eine Entität mit festen Eigenschaften (bedrohlich, lebensfeindlich, furchteinflößend), auf die man umgekehrt seine eigenen Emotionen projizieren kann (Hass, Abwehr, Resignation, Aggression, …) sondern als einen sich fortwährend ändernden Lebenszustand, der keineswegs so festgefügt und stabil ist, wie es zunächst den Anschein hat. Als eine Situation also, die viele Bedingungen braucht, um fortzubestehen, und die sich stark verändern oder sogar auflösen kann, wenn diese Bedingungen nicht mehr erfüllt sind.

Einem bösen schwarzen monolithischen Block „die Krankheit“ gegenüber müsste ich mich geschlagen geben, oder ich würde kämpfen, bis ich mein Schwert daran stumpf gehauen habe. Mit einem durchlässigen, dynamischen und bedingten Krankheitszustand dagegen kann ich einen Tango Argentino tanzen: Mal lasse ich mich führen (Pacing), mal bringe ich selbst Impulse ein und bin gespannt, wie sie aufgegriffen werden. Ich umwerbe meinen Körper mit neuen Bedingungen und versuche ihn zur Gesundheit zu verführen. Dabei kann der Tanz durchaus voll verzweifelter Leidenschaft sein, aber es ist immer auch eine spielerische Dynamik darin, die völlig offen lässt, wohin das Ganze führt.

Ich bin also nicht krank, ich habe auch keine Krankheit sondern ich tanze mit der Erkrankung. Zumindest versuche ich das und hoffe, auf diese Weise alle meine Systeme für eine Genesung offen zu halten bzw. zu öffnen.

Auf diese Weise betrachtet bin ich also genauso wenig krank, wie der Käfer im Schirm gefangen war. Aber wer weiß, wie lange er hätte tanzen müssen, um ohne Hilfe den Weg heraus zu finden?


Und zum Schluss noch ein Schmankerl aus der Schublade mit dem Schildchen Ironie des Lebens:

Vor ca. anderthalb Jahren, sagte der erste Neurologe, zu dem ich zwecks Differenzialdiagnostik ging, als Reaktion auf meine Verdachtsdiagnose:
„Chronisches Fatigue-Syndrom? Diese Krankheit existiert doch gar nicht wirklich.“

Auch wenn der das bestimmt ganz anders gemeint hat und ich fast explodiert wäre, ein eingefleischter Buddhist könnte sagen, er hatte recht …

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5 Kommentare zu „Der Käfer ist nicht gefangen und ich „bin“ nicht krank (3)

  1. Klaus, ebenfalls an ME/CFS erkrankt, ist mal wieder zur selben Zeit an einer ähnlichen Thematik. Diesmal das Thema Identifizierung mit der Erkrankung. Er erlebt es bei sich aber gerade ganz anders als ich. Er vergleicht die Erkrankung mit einem Beruf.

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  2. lieber Stefan, ich bin fasziniert von deinen Betrachtungen – und dazu noch hast du einen tollen Schreibstil. Ich sage mir immer in herausfordernden Situationen „das Pendel schlägt in beide Richtungen gleich weit aus“ , entsprechend gäbe es da in der Bibel die sieben mageren und die sieben fetten Jahre. Das ist meine Art, mir Mut zu machen. Die Wahl der Worte ernst zu nehmen, kann ich völlig nachvollziehen. Wenn die Quantenphysik recht hat und die Energie der Aufmerksamtkeit folgt, dann muss man die Wortwahl beachten…zuerst ist der Gedanke, also ist es gut, in Gedanken nicht schon „eins“ zu werden mit der Krankheit. Hast du mal das Buch „Das Geräusch einer Schnecke beim Fressen“ gelesen? Die Autorin erkrankte an einer rätselhaften Krankheit mit ähnlichen Symptomen wie bei dir, und niemand fand heraus, was sie hat. Während einer Phase, in der sie nur noch liegen kann, beobachtet sie eine Schnecke…

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