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Der Käfer ist nicht gefangen und ich „bin“ nicht krank (2)

Das ist die Fortsetzung von diesem Beitrag.

Was der Käfer mit der Erkrankung zu tun hat, das wäre also nun geklärt. Nun will ich versuchen beide Situationen als dynamische Systeme zu interpretieren, weil ich finde, das ist bei ME/CFS und allgemein bei vielen Krankheiten in der Sache angebracht und weil ich es für eine subjektiv hilfreiche Sichtweise halte.

Was ist ein dynamisches System?

Das ist ein System, das mit mehreren Zustandsvariablen beschrieben werden kann, die sich zeitlich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten verändern. Ein anschauliches Beispiel:

Einfaches dynamisches System: Kugel auf Bahn mit zwei „Tälern“

Eine Kugel bewegt sich auf dieser Bahn. Die Zustandsvariablen sind dann Ort und Geschwindigkeit der Kugel. Sie ändern sich ständig und hängen auch gegenseitig von einander ab. Z.B.: Je schneller die Kugel am tiefsten Punkt ist, desto höher kann sie an den „Talflanken“ aufsteigen.

Typisch für viele solche Systeme ist, dass sie – obwohl natürlich ständig in Bewegung – stabile Zustände haben können. Damit ist gemeint, dass sämtliche Zustandsvariablen sich nur innerhalb eines bestimmten Bereichs bewegen. Hier also z.B. so: Wenn die Kugel im linken Tal langsam genug ist, wird sie (ohne Einfluss von außen) niemals das linke Tal verlassen. Die Variable Ort ist also auf diesen Bereich beschränkt. Ebenso ist auch die Geschwindigkeit beschränkt. Die Kugel wird also im linken Tal hin und her pendeln bis sie schließlich dort liegen bleibt.

Das kennt man auch vom sehr komplexen dynamischen System „Weltklima“ mit seinen abertausenden Zustandsvariablen wie z.B. Wassertemperatur auf Hawaii, Windgeschwindigkeit und -Richtung auf der Zugspitze oder Niederschlagsmenge in Sydney. All diese Größen haben sich in den letzten Jahrhunderten in gewissen vorhersagbaren Grenzen bewegt, so dass eben jeder Ort sein typisches Klima hat. Und selbst bei Störungen von außen bleibt der Zustand stabil: Ein großer Vulkanausbruch kann mit seiner Asche zwar ein Jahr lang oder zwei für außergewöhnliche Verhältnissen sorgen, aber mit der Zeit findet das System von allein in seinen Normalzustand zurück.

In unseren Zeiten des Klimawandels passiert allerdings etwas anderes: Die festen Bereiche für die Zustandsgrößen haben die Tendenz, sich auszuweiten und zu verschieben: Die Temperaturen werden z.B. größer und schwanken mehr als in früheren Jahren. Das ist, wie wenn man der Kugel von außen immer wieder ein kleines bisschen mehr Schwung geben würde: Dann wird der Bereich der Geschwindigkeit größer und auch der Ortsbereich weitet sich aus und verschiebt sich nach rechts, weil es dort flacher bergauf geht.

Im Zusammenhang des Klimawandels ist oft die Rede von sogenannten Kipp-Punkten. Ein solcher wäre bei der Kugel erreicht, wenn sie so viel Schwung hätte, dass sie das erste mal ins rechte Tal hinüber wechseln könnte. Das heißt, es wurde (so wie zuvor auch schon die ganze Zeit) nur ein ganz kleines bisschen Schwung zugeführt, aber die Auswirkungen im System sind auf einmal gravierend, und wenn man das System nicht genauestens kennt, können sie auch völlig unvorhersehbar sein.

An solchen Kipp-Punkten wird also ein stabiler Zustand verlassen. Die Frage ist dann: Wird sich ein neuer stabiler Zustand einstellen, oder läuft das System komplett aus dem Ruder und verhält sich nur noch chaotisch? Und ebenso wichtig: Ist es möglich, dass das System auch wieder zum alten Zustand zurückkehrt? Wenn nicht, nennt man den Kipp-Punkt irreversibel. Beim Klimawandel wird befürchtet, dass wir uns auf einen irreversiblen Kipp-Punkt zubewegen. Das heißt, irgendwann bringt vielleicht genau deine kleine, unnötige Autofahrt zum Zigaretten holen das Weltklima zum kippen, so dass es komplett chaotisch und unvorhersehbar wird und mit menschenmöglichen Mitteln nie mehr zu reparieren ist.

Quellen: Pixabay, Montage: Ich

Und wie sieht das bei der Kugel aus? Wenn der letzte Schubser recht stark war, wird die Kugel eine Weile zwischen den Tälern hin und her pendeln und dann wieder in einen stabilen Zustand kommen, wenn sie es irgendwann nicht mehr über den Berg schafft. Das kann dann natürlich das linke oder das rechte Tal sein. Es könnte aber auch so sein, dass im rechten Tal die Bahn mit Filz belegt ist, so dass dort die Kugel abgebremst wird. Dann wird sie ziemlich sicher rechts landen und dort auch bleiben. Selbst wenn man ihr dort kleine Schubser gibt, reicht der Schwung evtl. nicht mehr aus, um wieder nach links zu kommen.

„Ok, toll“, denkst du jetzt, „aber was hat das alles mit ME/CFS zu tun?“ Oder vielleicht hast du hast den Braten auch schon selbst gerochen…

Auch die menschliche Physiologie kann als komplexes dynamisches System betrachtet werden: Die Zustandsvariablen sind solche Dinge wie Körpertemperatur, Hormon- Antikörper- oder Zytokinspiegel, Hirnaktivitäten, Schmerzpegel, Aktivitätsniveau, etc. Der stabile Zustand dieses Systems, den wir gerne erhalten bzw. zurückerlangen wollen, heißt Gesundheit.

Mit unserem jeweiligen Auslöser (bei mir Grippe, bei anderen z.B. Corona- oder Herpes-Virusinfektionen) hatten wir einen Kipp-Punkt erreicht, der unser System in einen anderen stabilen Zustand gebracht hat, in dem es sich festgesetzt hat. Dieser Zustand ist ME/CFS. Die Frage ist nun, WIE stabil dieser Krankheits-Zustand ist. Wie dick ist der Filz ist, der die Kugel dort fest hält?

Für viel Filz spricht die Tatsache, dass wir ja alles Mögliche an gesunden Therapien versuchen, aber nichts uns wieder zurück in den Zustand der Gesundheit bringt. Wir schubsen also die Kugel an, aber es reicht nicht, um sie wieder auf die linke Seite zu bringen. Oder sie ist sogar mal ganz kurz dort, kommt aber wieder zurück und bleibt dann wegen des Filzes schließlich doch wieder rechts stecken.

Für wenig Filz dagegen spricht, dass andere Menschen ja auch solche Infektionen haben, und trotzdem wieder ihre gesunde Homöostase erreichen. Wenn sich die Kugelbahnen aller Menschen gleichen, kann es also gut sein, dass es sogar links mehr Filz gibt als rechts, denn schließlich überstehen viel mehr Menschen solche Infektionen unbeschadet. Dann wären wir ME/CFS-ler also einfach diejenigen, die statistisch die Arschkarte gezogen haben: Die Kugel blieb bei uns entgegen aller Wahrscheinlichkeit rechts, obwohl sie links mehr gebremst wird. Wenn das so wäre, dann könnte also ein genau richtig dosierter Schubser mit etwas Glück durchaus schon reichen, um wieder in die stabile Gesundheit zu kommen.

Aber wahrscheinlich ist es auch so, dass der Filz auf der Krankheits-Seite im Prinzip die geerbten und erworbenen Risikofaktoren sind. Bei denen, die mehr davon haben, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Krankheitszustand sich selbst stabilisiert. Dann wäre das Schubsen der Kugel sozusagen die symptomorientierte Therapie, die die Lage zwar etwas besser machen kann, uns aber nicht so leicht wieder komplett auf die gesunde Seite zurückbringt. Was wir eigentlich brauchen, wäre aber die Entfernung des Filzes, d.h. eine Therapie, die in die Grundkonstellation des Systems eingreift. Eine Behandlung, die also nicht nur die Zustandsvariablen beeinflusst, sondern die auf die Gesetzmäßigkeiten einwirkt, nach denen das System funktioniert. Insofern glaube ich, dass die Erforschung der Risikofaktoren für ME/CFS eine große Rolle spielen kann.

Ja und der Käfer?

Ach, den hätte ich jetzt fast vergessen. Der bewegt sich natürlich mit seinen Zustandsvariablen Bewegungsrichtung, Lichtintensität, etc. im Schirm ebenfalls in einem nicht erstrebenswerten stabilen Zustand. Er wurde durch einen Schubser von mir daraus befreit…

So, jetzt reicht’s aber erst mal wieder. Was das alles dann auch noch mit Buddhismus zu tun hat, und warum ich nicht mehr sagen möchte: „Ich bin krank“, das erfährst du im nächsten Beitrag dieser Reihe.

4 Kommentare zu „Der Käfer ist nicht gefangen und ich „bin“ nicht krank (2)

  1. Wenn ich mir meinen (alten) – oder auch den (bisherigen) gesundheitlichen Zustand der gesamten Welt so anschaue …,, frage ich mich allerdings, ob das von dir „linkes Tal“ genannte System jemals wirklich etwas mit „stabiler Gesundheit“ zu tun hatte … . 😉🌈. Vielleicht bräuchte es (statt eines Kippunktes, der zurück führen würde in „das Alte“) eher einen Kipppunkt, der in ein ganz neues System führt? Ein wirklich gesundes? Eines, wo wir als Menschen nicht immer dieselben Fehler wiederholen und wie deine Kugel hin- und herrollen (oder gerollt werden)? 💌

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    1. Ja, ein neues Gesund wäre mir auch lieber als das alte: Ein Gesund, das auch den ganzen Benefit der persönlichen Weiterentwicklung beinhaltet, die mir die Erkrankung gebracht hat.
      In Wirklichkeit gibt es ja nie ein Zurück zu irgendeinem Zustand aus der Vergangenheit: Man kann ja auch nie zweimal in den selbem Fluss steigen, wie ein Sprichwort sagt.
      Und natürlich ist mein Bild von der Kugel so stark vereinfacht, dass der Vergleich an manchen Stellen gewaltig hinkt. Die Vereinfachung ist ja doppelt: Zum einen ist allein schon die systemtheoretische Betrachtung der Physiologie eine modellhafte Vereinfachung. Und dann habe ich zusätzlich auch noch versucht, ein möglichst einfaches dynamisches System zu finden, anhand dessen man diese Idee einem Nicht-Mathematiker überhaupt erklären kann.
      Aber als Modell für die „gesamte Welt“ war’s nun wirklich nicht gedacht…

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