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Annehmen ist ein langer Prozess

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Es ist nicht das erste mal, dass ich hier über das Annehmen meiner Erkrankung schreibe. In den beiden Beiträgen Fragen an die Hoffnung 4 und Es gibt kein Recht auf Heilung geht es bereits um diese Thematik. Und bisher hatte ich eigentlich immer das Gefühl, die Annahme sei mir bereits sehr gut gelungen.

Nun merke ich allerdings, dass es sich anscheinend doch um einen längeren Prozess handelt, bei dem ich gerade wieder vor neuen Herausforderungen stehe. Wie so oft im Leben scheint eine weitere Runde durch ein altbekanntes Terrain gefragt, um auf eine höhere Ebene zu gelangen. Bewusst geworden ist mir das durch den Unmut über die Stagnation meines Gesundheitszustands, den ich in letzter Zeit immer wieder bei mir wahrnehme. In der Zeit, nachdem ich diesen Blog begonnen hatte, gab es eine Phase über ca. drei Monate, in der es langsam aber stetig aufwärts ging mit meiner Belastbarkeit. Das gab mir Zuversicht, dass ich zu den wenigen Menschen mit ME/CFS gehören würde, die wieder komplett gesund werden. Ich fühlte mich dadurch auch bestärkt in meiner Art und Weise, wie ich mit der Situation umging.

Die Kehrseite davon war jedoch, dass ich im tiefsten Inneren eigentlich davon ausging, dass ich bereits auf dem Weg der Heilung wäre und dass das jetzt auch so weiter gehen würde. Wenn es mir rasch gelang, die Situation anzunehmen, dann – wenn ich ehrlich bin – nur unter einer Art Vorbehalt, bzw. einer Annahme. Nämlich dass es schon bald wieder besser werden würde. Klar wusste ich mit dem Kopf, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Heilung gering ist aber emotional ließ ich das noch nicht so richtig an mich ran.

Nun habe ich inzwischen erlebt, dass die Verbesserungen aus der Aufwärts-Phase nicht von Dauer waren. Ich hatte mehrere Rückfälle, welche die bis dahin erreichten Fortschritte weitgehend wieder zunichte gemacht haben. Mittlerweile sieht es also eher wie ein Auf und Ab aus, das sich um ein relativ stabiles Durchschnittslevel herum abspielt. Eine langfristige Entwicklung nach oben zeichnet sich eigentlich nicht mehr ab. (Zum Glück aber auch keine nach unten, sei hier auch einmal gesagt!)

Insofern sickerte in den letzten Wochen und Monaten zunehmend die Erkenntnis in meine tieferen Bewusstseinsschichten, dass das ganze wirklich so zäh ist, wie man es überall liest und hört. Ja, auch für mich. Für mich als denjenigen, der doch immer alles so gut und richtig macht, dass er sogar einen Blog schreibt darüber…

Zum einen ist das Selbstbild vom Musterpatienten ja sowieso eher Wunsch als Realität. Schließlich kämpfe ich ja immer noch damit, mich nicht gleich wieder zu überfordern, wenn’s mir mal ein bisschen besser geht (Siehe z.B. OOps, I did it again). Zum Anderen fällt aber auch die Annahme, man könne durch optimales Verhalten die Heilung „machen“, in den Bereich des Wunschdenkens: Man kann sich zwar durch Nichteinhaltung der Belastungsgrenzen ruckzuck in einen dramatisch schlechteren Zustand bringen, aber das heißt im Umkehrschluss noch lange nicht, dass Heilung zwingend der Lohn für geschicktes Verhalten wäre. Schließlich haben da ja Antikörper, Neurotransmitter und sonstige Biochemie auch noch ein gewichtiges Wort mitzureden.

Tja, uns so kommt es, dass ich jetzt also vor der Herausforderung stehe, auch das anzunehmen: Dass es nicht wirklich bergauf geht und dass ich die Genesung nicht bewirken kann. Ich will nicht sagen: „Dass alle bisherigen Anstrengungen umsonst waren“, denn wer weiß, wo ich stünde, wenn ich nicht so gut auf mich achtgeben hätte. Aber manchmal fühlt es sich doch so an, als ob man sich abmüht, alles richtig zu machen, und trotzdem kommt dann der nächste Rückfall.

Aber ich möchte meinen Blick lieber auf das Positive an diesem Prozess lenken: Es gilt vermutlich, „einfach“ die Vorstellung loszulassen, ich müsse alles richtig machen bzw. überhaupt besonders viel aktiv beitragen zu meiner Heilung. Für mich geht es gerade darum, noch besser zu lernen, mich und meinen Körper den heilenden Kräften der Natur zu überlassen.

Mit freundlicher Erlaubnis von Ines Hofbaur von demgutenmehrgewicht.com

In den letzten Tagen mache ich die Erfahrung, dass eine solche Einstellung mir hilft, mich tiefer zu entspannen, was ja schon mal viel wert ist. Und dass ich mit dieser weniger aktiven Haltung im Quark versinke, glaube ich nicht, denn bisher war ich ja eher immer zu aktiv für meine tatsächliche Leistungsfähigkeit.

Insofern möchte ich mich gerne an folgendes Motto halten (mal wieder aus dem Zwölfschritte-Gruppen-Kontext):

Loslassen und Gott überlassen

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3 Kommentare zu „Annehmen ist ein langer Prozess

  1. Hallo Stefan
    Wenn ich deine Texte lese, fällt mir immer wieder deine positive, ja gelassene analytische Beschreibung auf. Das ist schon sehr viel Wert, wenn man so mit der eigenen Erkrankung umgehen kann. Auch hilft diese positive Einstellung sich gesünder zu fühlen. Ich denke dein Zustand wäre um einiges schlimmer wenn du nicht so denken würdest. Bleib weiterhin so positiv und gelassen, egal was auch kommen mag.
    Einen lieben Gruß zu dir

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