Machen und Sein

Die Krankheit nimmt mir das Machen und gibt mir das Sein.

Dieser Satz geht mir seit Wochen immer wieder durch den Kopf und ich versuche zu ergründen, was er für mich eigentlich genau bedeutet.

Vielleicht ist es mit Machen und Sein grundsätzlich so ähnlich wie mit Haben und Sein (vgl. dazu Buch von Erich Fromm aus den Siebzigern), nämlich, dass es zwei unterschiedliche Existenzweisen sind, die einander teilweise ausschließen. Wenn jemand ständig „macht“, also im Übermaß tätig und produktiv ist, kann es sein, dass er keine Zeit hat, einfach mal nur dazusein. Eine solche Lebensweise birgt die Gefahr, den Kontakt zu seinem eigenen Inneren, also zu seinen Emotionen und Bedürfnissen zu verlieren. Ein Gegenpol dazu wären z.B. Mönche oder Nonnen (jeglicher Religion), die den Lebensschwerpunkt auf Gebet, Kontemplation bzw. Meditation legen. In unserer „Macher-Gesellschaft“ gibt es mit Yoga, Achtsamkeitsübungen und Ähnlichem Möglichkeiten, die Balance etwas mehr auf die Sein-Seite zu verschieben.

Was passiert nun, wenn eine Krankheit kommt und einem fast alle Möglichkeiten des Machens nimmt? Beruf, Hobbys, Sport: Alles geht nicht mehr, weil dafür einfach keine Energie Vorhanden ist.

Zunächst einmal ist das natürlich ein herber Verlust an Lebensqualität, weil vieles wegfällt, was einen erfüllt bzw. was Freude gemacht hat. Auf einer tieferen Ebene sind damit aber auch Dinge verschwunden, mit denen man sich identifiziert hat. Mein Beruf und meine Hobbys haben mich ja auch ein Stück weit als Persönlichkeit ausgemacht. Damit stellt sich recht existenziell auf einmal die Frage: Wer bin ich überhaupt ohne all das? Wer bin ich unabhängig von dem was ich mache? Was bleibt da noch übrig von mir?

Und diese Fragen verweisen eindeutig auf die Seite des Seins. Und zwar des reinen Seins, unabhängig von dem was man sich erarbeitet oder verdient hat durch das Machen. Also nicht sein im Sinne von Ich bin Abteilungsleiter, Ich bin Millionär oder Ich bin Harz-4-Empfänger. Eher in der Bedeutung von Ich bin ein Mensch, Ich bin liebenswert oder Ich bin ängstlich.

Wenn ich sage, dass mir die Krankeit das Sein gegeben hat, meine ich folgendes: Ich habe jetzt Zeit im Überfluss und gleichzeitig sind viele Sozialkontakte weggefallen, v.a. weil die alltäglichen Begegnungen durch Arbeit und Hobbys fehlen. Das heißt, ich verbringe einen Großteil meiner Zeit allein mit mir selbst. Wenn ich mich nun nicht ständig mit Musik, lesen, Filmen, o.Ä. ablenke (was mir aber rein energetisch auch nicht wirklich möglich ist), dann werde ich also in radikaler Weise auf mich selbst zurückgeworfen.

Die Zeit für Meditation und Achtsamkeitsübungen, die sich die meisten Menschen im Alltag mühsam aus den Rippen schnitzen müssen, wird mir durch die Krankheit sozusagen geschenkt. Na ja, ich habe oben absichtlich nicht „geschenkt“ geschrieben sondern „gegeben“, denn der Preis ist so hoch, dass ich ihn nicht freiwillig gezahlt hätte…
Aber das Wesentliche ist, dass ich durch die Krankheit tatsächlich einen Intensivkurs in der Lebensart des Seins erhalte: Ich kann mich ausführlich der Frage stellen, wer ich abgesehen von meinen Macher-Rollen bin.

Und das ist sehr wertvoll für mich, denn es bringt mich meinem eigenen Persönlichkeitskern näher. Dem, was die Yogis mit dem Begriff wahres Selbst oder höheres Selbst bezeichnen. Dem, was ich schon immer war, von Geburt an (oder noch davor) und was ich immer sein werde, bis zum Tod (oder darüber hinaus). Dem, was mich wirklich ausmacht, was aber durch das viele Machen bisher teilweise verschüttet oder übergangen wurde.

Auf der Reise zu mir selbst, die das Leben ja immer irgendwie bedeutet, fahre ich also dank ME/CFS nun im ICE statt im Bummelzug, wie bisher. Ich freue mich darüber, immer mehr anzukommen. Und ich habe die Hoffnung, dass ich auch irgendwann wieder mehr machen kann, und das dann aus einem gut in mir und Gott verankerten Sein heraus.

Zu diesem Thema kann ich noch folgenden Artikel von Daniela empfehlen:

10 Kommentare zu „Machen und Sein

  1. Das ist sehr gut beschrieben, wie sich durch eine Krankheit, die einem viel körperliche Kraft nimmt, und das Bewegen erschwert, das Leben vom Machen zum Sein ändert – und damit auch für einen selbst der Sinn des Lebens – wenn man denn dazu bereit ist…

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  2. Ja, der Sinn des Lebens…
    Ich weiß nicht, ob ich den für mich inzwischen wirklich deutlicher fassen kann als früher. Aber es genügt mir inzwischen manchmal einfach schon die Teilnahme am Leben mit einer liebenden Grundhaltung allem gegenüber, um mich erfüllt zu fühlen. Und dann erübrigt sich die Sinnfrage irgendwie. Manchmal denke ich, vielleicht ist das tatsächlich der Sinn, aber manchmal kommt es mir dann wieder zu bequem und ein bisschen selbstgerecht vor…

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  3. Hallo Stefan
    Über Daniela bin ich auf deinem Beitrag aufmerksam geworden. Ich habe lange über deinen Text heute nachgedacht.
    Es ist ein Thema welches tiefgründige Gedanken entstehen lässt, wenn man sich darauf einlässt.
    Nicht einfach und vielleicht auch viel zu lang für einen Kommentar.
    Vielleicht schreibe ich dazu auch mal einen Beitrag und würde deinen Beitrag dazu verlinken, wenn es für dich in Ordnung ist.
    LG, Nati

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      1. Dankeschön Stefan.
        Habe mich gestern noch daran gesetzt, auch wenn ich zu keiner vernünftigen Lösung für mich gekommen bin.
        Eine wirklich schwieriges Thema, vor allem für Macher wie mich.
        Gleich um 11 geht er online.
        Ich sende dir dann den Link zu meinem Zweitblog.
        LG, Nati

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  4. Ich erlebte es vor ein paar Jahren: ich verlor in kürzester Zeit sehr vieles von dem, was mein Leben ausmachte. Ich wurde krank und sehr schnell erwerbsunfähig, während sich mein Familienleben auflöste und ich damit zurechtkommen musste, alleine zu sein. Ich stellte mir damals tatsächlich die Frage, was eigentlich bleibt, wenn sich alle bisher gelebten Rollen in Nichts auflösen. Jetzt, nach vielen Jahren, kann ich sagen: ich bin bei mir angekommen und lebe das „Sein“ so intensiv, wie nie zuvor. Mit allen Einschränkungen fühle ich mich mit mir und meiner Umwelt im Einklang. So habe ich früher nicht empfunden.

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    1. Das freut mich, wenn es dir ähnlich ging und dich die Erkrankung so hat reifen lassen, dass du besser im Einklang mit dir selbst Leben kannst.
      Auch bei mir zerbrach zeitnah eine mehrährige Partnerschaft. Aber zumindest die Vaterrolle für die beiden Jungs aus meiner Ehe, die blieb mir erhalten. Allerdings inzwischen natürlich ohne Bergwanderungen, Kanutouren, Skifahren, etc. Aber so kann ich den Jungs zumindest den Wert des Seins vorleben. Vorbilder für’s Machen haben sie ohnehin genug.
      Auch ich fühle mich besser im Einklang mit mir selbst. Dafür bin ich dankbar und es hilft mir, die Erkrankung anzunehmen.

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      1. Das hört sich gut an! Es braucht natürlich alles seine Zeit. Meine Söhne sind erwachsen und ja, Mutter bin ich weiterhin, auch wenn sich diese Rolle naturgemäß verändert hat.

        Krankheiten machen das Leben manchmal beschwerlicher und schöne Momente wollen wir trotzdem weiterhin genießen! 🌞

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