Geht es mir gut, ist besondere Vorsicht angebracht

In den anonymen Selbsthilfegruppen kursiert folgender Spruch:

Wenn’s dir schlecht geht, geh ins Meeting.
Wenn’s dir gut geht, renn ins Meeting.

In Anlehung daran könnte man für ME/CFS vielleicht sagen:

Wenn’s dir schlecht geht, gönn dir Ruhe.
Wenn’s dir gut geht, zwing dich zur Ruhe.

Eigentlich müsste ich für diesen Beitrag eine neue Kategorie aufmachen: Was ich endlich mal lernen sollte… Denn leider gelingt mir das noch nicht wirklich.

Manchmal gibt es Tage, da wache ich ausgeruht auf. Wenn ich mich strecke, breitet sich ein Wohlgefühl im Körper aus und die Muskelschmerzen winken nur aus weiter Ferne herüber. Beim Aufstehen spüre ich Kraft in meinen Muskeln und auch mein Geist ist frisch und klar. Aha, so – oder noch besser – kann es sich also anfühlen, wenn man gesund ist. Das hatte ich schon fast vergessen.

Version 1

Und schon geht es los: Wo sind die Bäume, die ich ausreißen kann? Heute könnte ich es schaffen, einen größeren Ausflug zu machen und einen Freund zu besuchen! Oder endlich mal wieder den größeren Spaziergang mit der schönen Stelle am Bach machen? Und wie ich eine Fahrradtour mit dem E-Bike vertrage, wollte ich ja auch schon längst mal ausprobieren…
Oder ganz böse: Wollte ich nicht schon lange das Bad mal wieder richtig gründlich putzen?

Schon allein der Hype im Kopf kickt mich raus aus dem schönen Gefühl von „Meinem Körper geht’s gerade einfach gut“.

Und nachdem ich dann mit Freude, Begeisterung und im Genuss meiner neuen Kraft einen Baum ausgerissen habe, geht’s mir am nächsten Tag wieder wie gewohnt. Oder sogar schlechter, wenn ich den Baum im Überschwang doch mal wieder ne Nummer zu groß ausgewählt habe.

Warum nicht Version 2?

Da bleibe ich doch gerade noch zehn Minuten länger im Bett und genieße dieses Wohlgefühl. Ich freue mich mit meinem Körper über die Verbesserung, die er erreicht hat, und bedanke mich bei ihm und bei Gott dafür. Und ich nehme mir vor, sorgsam mit diesem Geschenk umzugehen, es zu bewahren und zu schützen.

Dann beginne ich ganz besonders achtsam den Tag. Das gute Körpergefühl hüte ich und trage es wie eine Hand voll empfindlicher, kostbarer Perlen durch die Aktivitäten des Tages: Beim Duschen genieße ich das Prickeln der Tropfen auf der Haut, das heute nicht von Schmerzen überdeckt wird. Beim Frühstückrichten mache ich alles besonders langsam, und achte darauf, dass die Schultern immer schön locker bleiben und dass ich keine hektischen Bewegungen mache. So verspannen sich die Muskeln nicht schon wieder und ich verliere noch keine der Perlen.

Beim Essen schenke ich meinem Körper bewusst Energie und verspreche ihm, dass er sie für die weitere Heilung verwenden darf. Ich werde ihm den heutigen (relativen) Energie-Überschuss nicht durch mehr Aktivität nehmen, sondern mich mit ihm zusammen daran erfreuen, dass alles leichter geht.

An diesem Tag mache ich weniger, als ich könnte, und genieße dabei das Gefühl, Reserven zu haben. So leicht soll sich das Gesundwerden anfühlen! Und am nächsten Tag ist dann vielleicht schon so viel Energie da, dass ich vorsichtig ein bisschen mehr machen kann und trotzdem was übrig bleibt.

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