Der Körper macht nicht blöd

Foto: Paris Orlando, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Neulich habe ich einer Bekannten, die wegen eines Kreislaufkollaps´ beim Kardiologen gewesen war, geschrieben, ich sei froh, dass ihr Kreislauf jetzt wieder brav sei und ihr Herz nicht mehr blöd gemacht habe.

Aus diesen saloppen Formulierungen die ihr gar nicht gefielen, ergab sich ein interessanter Dialog über die Haltung dem Körper gegenüber, gerade wenn er krank ist. Sie schrieb zurück:

... habe ich allergrößten Respekt vor diesem Wunderwerk an verschiedenen Kreisläufen und Fähigkeiten. Ein Körper tut nie etwas Blödes, sondern ist immer bestrebt auszugleichen, und sich selbst zu erhalten, und ist dabei überaus intelligent angelegt. Er ist für mich das Gefährt und Zuhause unserer Seelen auf der Erde und verdient allergrößte Wertschätzung in allen Lagen. 

Wie recht sie hat. Das hat mir zu denken gegeben.

Ich hatte ihren Körper mit seinen Problemen -nur um spaßig zu formulieren- als blöd und ungezogen, wie ein nerviges kleines Kind hingestellt. Abgesehen davon, dass es nun mit der Bekannten was zu klären gab, hat mich die Sache auch in Bezug auf meinen eigenen kranken Körper beschäftigt:

Begegne ich meinem eigenen Körper mit dieser „allergrößten Wertschätzung“, die er in der speziellen Lage mit ME/CFS sogar ganz besonders verdient und nötig hat?

Oder erwarte ich eigentlich von ihm, dass er einfach funktionieren soll „ohne blöd zu machen“? Und werte ihn dann womöglich auch noch ab, wenn das nicht der Fall ist?

Es liegt ja bei einer fehlgeleiteten Immunreaktion, wie sie höchstwahrscheinlich bei MEC/CFS vorliegt, schon nahe zu sagen, dass der Körper da was Blödes macht, dass er halt nicht kapiert, was er eigentlich tun müsste, um wieder gesund zu werden. Aber wer bin ich eigentlich, dass ich beurteilen könnte, was dieses Wunderwerk denn stattdessen besseres tun sollte? Wir Menschen haben ja noch nicht mal richtig verstanden, wie diese Krankheit eigentlich funktioniert. Da sollte ich der Jahrmillionen alten Weisheit der Evolution gegenüber, die in meinem Körper wirkt, vielleicht doch lieber respektvoll und demütig begegnen.

Und dass ein Körper, der verachtet wird, wenn er nicht spurt, weniger leicht gesund wird als einer, der bewusst mit liebe- und respektvoller, mitfühlender Unterstützung versorgt wird, das liegt ja für jeden auf der Hand, der das Wort Psychosomatik buchstabieren kann.

Wie könnte diese Unterstützung aussehen?

Natürlich gehört eine möglichst gute Versorgung mit den nötigen Behandlungen dazu. Dabei achte ich sehr darauf, ob die Gesamt-Energiebilanz einer Behandlung (Aufwand, sie zu organisieren, zu erhalten und zu finanzieren im Vergleich zum Nutzen) tatsächlich positiv ist. Aber mir geht es hier eher um die Arbeit an inneren Einstellungen:

Ich kann mir bei der Körperpflege, die ich sowieso mache, bewusst machen, dass ich dem Körper damit etwas Gutes tue. Wenn ich diese Tätigkeiten achtsam und zugewandt verrichte und nicht in blinder Routine, schenke ich meinem Körper positive Zuwendung, die weder zusätzliche Zeit noch Energie kostet.

Ich kann innere Zwiegespräche mit meinem Körper führen, so ähnlich wie das bei der Arbeit mit dem Inneren Kind auch praktiziert wird. Dabei kann ich ihm Respekt zollen, für alles, was er versucht, um mit der Erkrankung klarzukommen. Oder – wenn die Symptome ihn plagen – ihm Mut machen, ihn trösten, einfach ihm geben, was ich auch einem angeschlagenen guten Freund geben würde. Und wenn der Körper innerlich zu einer eigenen Stimme findet, kann ich mitfühlend zuhören, was er mir zu sagen hat.

Ich kann mir beim Meditieren vor Augen führen, wie viel von dem Wunderwerk des Körpers auch bei mir funktioniert und üben, für all diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten tiefe Dankbarkeit zu empfinden.

Ich kann im Rahmen dessen, was mir möglich ist, für „Körperfreuden“ sorgen: Angenehme Wärme, ein gutes Essen, Sonne auf der Haut, Kuscheln, Massage, ein Bad in einem See, …
Für manches davon brauche ich die Hilfe anderer Menschen, und es fällt meist nicht leicht, darum zu bitten. Aber wenn es klappt, jemanden um die Erfüllung eines echten Wunsches zu bitten, dann ist es meiner Erfahrung nach häufig so, dass sich am Ende auch der Gebende beschenkt fühlt. Durch das Vertrauen, das man ihm damit zeigt und einfach weil Freude schenken selbst Freude bereitet.

Kann ich zu einem Körper, mit dem ich so umgehe, noch sagen „Mach jetz nit so blöd“, oder könnte ich ihm die Schuld dafür geben, dass mein Leben jetzt so eingeschränkt ist?

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