Es gibt kein Recht auf Heilung

Und da gibt es wirklich keine Therapie?

Nein, nichts, was an die Wurzel geht, nur symptombezogen kann man ein bisschen was verbessern, wenn man Glück hat.

Das kann doch nicht sein! Da muss es doch Experten geben, oder eine Spezialklinik, … Da muss man doch was machen können…

Solche Gespräche kennst du sicherlich auch. Die Haltung, dass es Hilfe einfach geben muss, dass man sozusagen ein „Recht auf Heilung“ habe, scheint weit verbreitet und war zu Beginn auch meine, bzw. beschleicht mich immer noch manchmal. Zum einen ist sie Ausdruck eines naiven Glaubens an die Allmacht der Wissenschaft, von der man einfach erwartet, dass sie für jedes Problem rasch eine Lösung findet. Andererseits steckt aber auch eine Abwehr gegen die eigene Machtlosigkeit dahinter: Es darf doch nicht sein, dass das Schicksal mir einfach so über meinen Kopf hinweg diese Krankheit ans Bein bindet und dann auch noch auswürfelt, ob ich zu den 10% gehöre, die im Lauf der Jahre wieder gesund werden. Und ich kann nichts tun außer abwarten.

Und was mach ich jetzt mit dieser narzistischen Kränkung? Na klar, das Schicksal hat mir schon übel genug mitgespielt, dann hab ich jetzt wenigstens einen Anspruch darauf, dass mir alle helfen, wieder gesund zu werden. Und weil ich schon die Kontrolle über meine Gesundheit weitgehend verloren habe, will ich wenigstens kontrollieren, wie mein Umfeld damit umgeht. Die Kollegen müssen doch endlich mal kapieren, dass … Der Arzt soll halt jetzt endlich mal …

S T O P P ! !

Es ist klar, wo das hinführt: Ich stehe unter Dauer-Dampf und alle Leute sind genervt von mir. Also, was mach ich stattdessen?

Ich versuche anzunehmen, was ich nicht ändern kann (vgl. Gelassenheitsspruch): Nämlich, dass ich diesem Schicksal gegenüber tatsächlich machtlos bin. Ich sage mir tausendmal vor: Ja, ich habe diese Krankheit, es ist einfach so. Ich werde lernen, damit zu leben anstatt dagegen anzukämpfen.
Und was ich auch nicht ändern kann, ist die Art und Weise, in der meine Mitmenschen mit meiner Erkrankung umgehen. Ich kann zwar Informationen geben und meine Befindlichkeit zeigen, soweit mir das angebracht erscheint, aber was die jeweilige Person dann damit macht, das ist ihre Sache. Ich kann auch um etwas bitten, und was dann zurückkommt, kann ich annehmen oder dankend ablehnen. Aber ich darf nicht versuchen, anderen Menschen rigide Vorstellungen davon aufzudrücken, wie es zu laufen hat.

Diese demütige Haltung hat mir so viel Erleichterung gebracht. Zum einen hatte ich die Energie zusätzlich zur Verfügung, die zuvor in den inneren Kampf gegen die Realität, ins Hadern und in die Sorge, alles unter Kontrolle zu halten, geflossen war. Zum anderen wurde ich weich genug, um die Dinge beweinen zu können, die jetzt nicht mehr möglich waren. Und das hat gut getan.

Diese innere „Kapitulation“ vor der Realität und dem Schicksal hat übrigens nichts mit Resignation zu tun. Mit dem Akzeptieren der Erkrankung habe ich ja keineswegs die Hoffnung auf eine Genesung aufgegeben. Ich versuche nur nicht mehr, die Heilung zu erzwingen, sondern sie freundlich zu mir einzuladen. Und wenn ich die Realität so annehme, wie sie ist (beispielsweise meine Leistungsgrenzen), dann bin ich auch besser in der Lage, mich heilungsförderlich zu verhalten. Und damit sind wir bei der anderen Seite des Gelassenheitsspruchs: Ich finde dann auch leichter den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Z. B. einen Arzt zu wechseln, wenn es wirklich nötig ist, oder vielleicht auch nur, mir jetzt eine Wärmflasche in den Nacken zu packen, weil da mal wieder alles schmerzt.

Ein Kommentar zu “Es gibt kein Recht auf Heilung

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